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2007 Die Krötenprinzessin
Unvollendetes Glossar zu Walli Höfingers Striptease von Dr. Stefanie Wenner
Striptease: Frauen ziehen sich für Männer aus, meistens tanzend und bekommen
dafür Geld, Moneten, Kröten. Der Striptease scheint das Paradigma des
weiblichen Körpers als Objekt des männlichen Blicks zu sein. Die
Schaulust ergötzt sich an den raffinierten Verzögerungen einer sich
entkleidenden Frau, die die Kunst des Tanzes beherrscht, der Verführung, des
nie eingelösten Versprechens. Allen Legenden zum trotz geht dieser Tanz
wohl nicht auf den Schleiertanz der Salome zurück, sondern ist vielmehr eine
Erfindung des Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Anfang des 20.
Jahrhunderts machte Mata Hari von sich reden, Anita Berber folgte im Berlin der
20er Jahre mit nacktem Ausdruckstanz, beide stellen Vorläufer des Striptease
dar, der erst in den 50er Jahren in Deutschland als erotischer Schönheitstanz
zum elementaren Bestandteil der noch jungen Sex-Industrie wurde. Leszek
Kolakowski hat eine kleine “Erkenntnistheorie des Striptease” geschrieben.
Er erinnert an die Genesis, die Vertreibung aus dem Paradies als Folge des
verbotenen Genusses der Frucht vom Baum der Erkenntnis, die zu Scham führte.
Nicht ob der begangenen Tat und der damit erworbenen Schuld, sondern ob der
Nacktheit schämte sich das erste menschliche Paar und macht damit, so
Kolakowski, am Anfang von jüdisch-christlicher Geschichte klar, dass Nacktheit
ein Kulturprodukt ist. Mit der Kleidung wird dann verborgen, was die wahre
Natur des Menschen ist, seine Tierheit. Kolakowski schreibt von der widersprüchlichen
Teilhabe des Menschen an zwei Ordnungen – der Natur und der Kultur. Er sieht
den Striptease als (selbstverständlich mißglückten) “Versuch einer Synthese der
beiden rivalisierenden Ordnungen, die das Menschsein mitbestimmen.”[1] Was so schön begann,
als Lektüre des Striptease in erkenntnistheoretischer Absicht, endet in alten
Mustern, denn es zieht sich aus – die Frau, die damit sowohl Wahr- wie Tierheit
zu verkörpern scheint, es blickt an – der Mann, das Erkenntnissubjekt.
Ausziehen also hat mit Wahrheit zu tun, biblisch gesprochen mit Erkenntnis. Sie
erkannten sich als Mann und als Frau heißt es da, schön gesagt, aber was um
Himmels willen heißt das? Fest steht, dass der weibliche Körper, der im
Striptease zur Schau gestellt wird, ein erarbeiteter ist. “Zieh’ dich aus, aber
sei jung, schlank und gebräunt”, sagte Michel Foucault irgendwo einmal,
der die sexuelle Revolution und Befreiung als Farce enttarnte, als Strategie
der Macht, die anonym bleibt und dennoch wirkt. Wie aber kommt man da heraus? Subversive
Affirmation könnte eine Strategie sein, also Identifikation und Übertreibung
dessen, was eigentlich der Gegenstand von Kritik werden soll. Die Zuschauer
werden in die Position von Voyeuren gebracht, die mit herstellen, was im
Verlauf von Walli Höfingers Striptease erst kritisiert und dann verabschiedet
wird. Das meint etwas anderes als Performativität, die von Judith
Butler als Mittel der Subversion gefeiert wurde.
Subversive Affirmation Als subversive
Affirmation oder Überidentifizierung bezeichnet man eine Strategie der
Identifikation mit der herrschenden Ordnung, wobei diese beim Wort, also
ernster genommen wird, als sie sich selber nimmt. Inke Arns schreibt: “Im Unterschied zu kritischer
Distanz haben wir es bei subversiver Affirmation und Überidentifizierung
vielmehr mit einer Kritik als ästhetische Erfahrung zu tun, der es um ein
Erleben dessen geht, was kritisiert wird. (Hervorhebung von mir S.W.)”
Insbesondere die slowenische Gruppe Neue Slowenische Kunst (NSK) und mit
ihnen Laibach arbeiten mit diesen Mitteln.
Performativität Ausgehend von J.L. Austins Buch “How to do things with words”
lassen sich Sprechakte als Handlungen verstehen, die Realität herstellen. “Ja”
als Antwort auf die Frage, “Nehmen Sie die hier anwesende Walli Höfinger zur
Frau?” stellte ein neues Rechtsverhältnis und damit eine neue Realität her. Die
Auskunft “Es ist ein Mädchen!” nach der Geburt eines Kindes bedeutet nicht eine
Beschreibung einer Naturtatsache, sondern stellt diese erst her. Wie Tätowierungen
markieren Aussagen dieser Kategorie Menschen und stellen Differenz ebenso her
wie Ähnlichkeit. Performativität meint, dass ein Zusammenhang, der scheinbar
nur beschrieben wird, durch diese Beschreibung erst hervorgebracht wird. Judith
Butler schlug vor, diesen Effekt subversiv zu nutzen. Durch die Sichtbarmachung
verschiedener Praktiken unterschiedlicher Gruppen und Individuen würde die
Identitätslogik unterwandert und pluralisiert.
Blick: In seinem feministischen Buch “Die männliche Herrschaft” korrigiert
der Soziologe Pierre Bourdieu den Philosophen Jean-Paul Sartre:
Dieser hatte das Hegel’sche Paradigma von Herr und Knecht auf den Blick übertragen.
Durch die potentielle Anwesenheit eines Anderen seien wir ‘immer schon’ im Blick
und befänden uns an unsichtbarer Leine – in der Gewalt eines undurchschaubaren
Regimes von Blicken. Bourdieu sagt, ja, aber: “Der Blick ist nicht ein
einfaches, allgemeines und abstraktes Objektivierungsvermögen, … Er ist ein
symbolisches Vermögen, dessen Wirksamkeit abhängt von der relativen Position
dessen, der wahrnimmt, und dessen, der wahrgenommen wird, sowie dem Grad, in
dem die Wahrnehmungs- und Bewertungsschemata von dem, auf den sie angewandt
werden, gekannt und anerkannt werden.”[2]
Damit legt er nahe, dass Subordination unter ein Regime von Blicken kulturell
codiert ist. Was im Kontext einer westlichen Gesellschaft, einer städtischen
Situation für Regeln gelten, kann differieren, bisweilen sogar stark. Wien oder
Berlin kann schon einen Unterschied bedeuten, im Verhältnis zu anderen Kulturen
kann das Regime von Blicken kollabieren oder gänzlich anders funktionieren.
Hier aber gilt, dass das symbolische Vermögen des Blicks seine Wirksamkeit am
besten entfaltet, wenn es unreflektiert bleibt. Im Klartext: Was wir nicht
erkennen, wovon wir nichts wissen, das beherrscht uns am allermeisten,
jedenfalls, wenn wir uns in der Kultur bewegen, die unseren Individuierungsprozeß
generiert hat. Pierre Bourdieu: “Die männliche Herrschaft konstituiert die
Frauen als symbolische Objekte, deren Sein ein Wahrgenommen werden ist. Das hat
zur Folge, daß die Frauen in einen andauernden Zustand körperlicher
Verunsicherung oder, besser, symbolischer Abhängigkeit versetzt werden: Sie
existieren zuallererst für und durch die Blicke der anderen, d. h. als liebenswürdige,
attraktive, verfügbare Objekte.”[3]
Junge Frauen hungern, manche sogar bis zum Tod, verleugnen ihren Körper,
bringen sich damit vielleicht in Sicherheit und negieren den Status als Objekt
von Blicken. Dass die Frau als angeblickte existiert, als Objekt eines männlichen
Blicks, mindestens in westlichen Gesellschaften der Seite der Ästhetik
zugeordnet und damit abgewertet wurde, haben Feministinnen bereits in den 80er
Jahren moniert. Laura Mulvey hat sogar schon in den 70er Jahren mit
ihrem bahnbrechenden Aufsatz Visuelle Lust und narratives Kino eine
umstrittene Position eingenommen, die Männlichkeit, Aktivität und Blick
gleichsetzte, während Weiblichkeit, Passivität und Angeblickt-werden auf der
anderen Seite gleichgesetzt wurden. Der Post-Feminismus der 90er Jahre
versprach, die Kategorie Gender zu killen und damit den Sprung jenseits
dieser überkommenen Dichotomien des Geschlechterdualismus zu schaffen.
Die Frauenfrage schien nicht mehr en vogue, das Geschlechterthema zu
Sozialkitsch zu verkommen. Aber mitnichten. Zu Beginn des 3. Jahrtausends ist
das Thema – mindestens in Deutschland – plötzlich wieder in aller Munde. Die
Machtfrage taucht als Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von
Reproduktion wieder auf. Der in den 70ern von Feministinnen vielfach geforderte
Gebärstreik scheint unter der Hand Realität geworden zu sein. Menschliche Körper,
die gerade in dem, was natürlich zu sein vorgibt, gesellschaftlich produziert
werden, erscheinen zunehmend als Problem. Der Mann hat in unserer Gesellschaft
nach wie vor die herrschende Position, auch wenn diese Herrschaft ihren Preis
hat.
Hegel’sche
Paradigma von Herr und Knecht Georg Wilhelm
Friedrich Hegel (1770 – 1831) Mitbegründer des sogenannten deutschen
Idealismus, seine zentrale Denkfigur war die Dialektik, der er eine neue
Wendung verlieh. Alles was ist, hat auch einen Gegensatz, eine These eine Antithese
und dieser Gegensatz gelange zu Wahrheit in einer Synthese, die nicht ein neues
Drittes, sondern vielmehr die Aufhebung des Gegensatzes bedeute. Das
Paradigma von Herrschaft und Knechtschaft ist ebenfalls dialektisch
strukturiert. In einem fiktiven Kampf auf Leben und Tod habe der Knecht sich
vor dem Tod gefürchtet und sich daher dem Herrn unterworfen, dem er nun dienen
müsse. Er bearbeitet die Natur für den Herrn, der die Produkte der knechtischen
Arbeit nur genießt. Damit aber gerät der Herr in unsichtbare Knechtschaft, den
er bedarf ja des Knechts, um die Früchte der Arbeit genießen zu können. Das
auch war eine zentrale Inspiration für Marx, der sagte, man müsse die
Hegel’sche Dialektik vom Kopf auf die Füße stellen. Für die Position des
Voyeurs im Striptease ist das nicht unbedeutend, ebensowenig wie für die männliche
Herrschaft.
Post-Feminismus
Insbesondere infolge des Erfolgs von Judith
Butler’s Buch “Gender Trouble” wurde der Femismus älteren Datums in den 90er
Jahren einerseits radikalisiert, andererseits verbreitert. Butler geht davon
aus, dass nicht nur das soziale Geschlecht gender gesellschaftlich
konstruiert sei, sondern radikal dekonstruktivistisch auch von der Konstruktion
des biologischen Geschlechtes, sex. Es gebe nicht zwei, sondern mehr
Geschlechter. Hierzu werden Beispiele aus ethnologischer Forschung zitiert, die
Gesellschaften untersuchten, in denen drei oder mehr Geschlechter unterschieden
werden. Auch der Hermaphrodismus wird behandelt. Es entsteht eine Kritik am
Heterosexismus des Patriarchats, der das Paar zwischen Mann und Frau zur Norm
mache, die Ausschluß und Gewalt für alle anderen bedeutete. Die Logik des
Anderen, des Fremden erfuhr eine Aufwertung und die dazu im Gegensatz stehende
Identitätslogik des Gleichen und Ähnlichen eine Abwertung. Ziele der
sogenannten ersten und zweiten Frauenbewegung wie “Lohn für Hausarbeit” galten
vielen als veraltet. Es entstand insbesondere in Deutschland eine erbitterte
Debatte unter Feministinnen. Während einige sich an körperlicher Differenz
orientierten, verflüssigten andere diese Differenzen und nannten erstgenannte
essentialistisch und reaktionär. Das alles hat Judith Butler nicht gewollt. Sie
hat das in einem späteren Buch “Körper von Gewicht” klargestellt und sich auf
die phänomenologische Philosophie in der Tradition Maurice Merleau-Ponty’s
bezogen. Heutige Debatten sind weniger stark von den Polarisierungen der 90er
Jahre gekennzeichnet. Es hat sich gezeigt, dass neben den Erkenntnissen
feministischer Philosophie und Genderfragen die politische Dimension des
Feminismus als einer Gegenbewegung zum herrschenden Patriarchat unter den
ideologischen Grabenkämpfen gelitten hat.
Geburt: Synonyme: Abkunft, Abstammung, Anbruch, Anfang, Ankunft, Auftakt, Ausgangspunkt, Beginn, Entbindung, Entstehung, Herkommen, Herkunft, Keim, Lebensbeginn, Niederkunft, Quelle, Ursprung, Wiege.
Die Geburt
ist das Skandalon der menschlichen Existenz. Wir kommen nicht einfach
nur zur Welt, sondern wir werden – noch immer – von Frauen geboren. Im dunklen
Uterus entsteht das Leben, auch wenn es manchmal heute extern gezeugt wird, in
vitro. Schon die antiken Mythen beschäftigten sich ausführlich mit diesem
Thema. Da werden Kinder von Männern ausgetragen und aus dem Bein entbunden.
Manche stirbt bei der Geburt eines wiedergeborenen Gottes, um später unter
anderem Namen wieder aufzutauchen. Pferde werden von Menschen geboren, das
Haupt der Medusa droht, goldene Bräute werden in schwarze verwandelt, Schweine
und Kröten als Verkörperungen von Weiblichkeit inszeniert. Immer aber
leben Götter und Menschen in Beziehungen, verdichten sich Themen in
enigmatischen Figuren, deren Lesbarkeit heute fraglich scheint. Aus einem
langen und tiefgreifenden Prozess, einer Schwangerschaft, die in der Natur
ihresgleichen sucht, ist Walli Höfingers Stück entstanden. Die Prinzessin,
alte Märchenfigur und unsterbliche Jungfer taucht hier wieder auf, ebenso wie
die Kröte, das schleimige-garstige Tier der Verwandlung, Symbol der Gebärmutter,
von Schwangerschaft und Geburt. Wir werden als Zuschauer zu Zeugen eines performativen
Protokolls der Zeugung und Geburt eines Neuen, das tiefer im Imaginären
angesiedelt ist, als sogenannte gesellschaftliche Rollen und nichts zu tun hat
mit Selbsterfahrung, denn das Selbst wird zum Thema, zur Frage, nicht zu
sicherzustellender Instanz. Und da Mythen nicht gemütlich sind, wie Gerburg
Treusch-Dieter immer sagte, und das Selbst vielleicht eine
Mythenproduktionsmaschine ist, ist auch dieser Striptease nicht gemütlich,
nicht beruhigend, auch nicht lustvoll erregend. Was aber ist er dann?
Vielleicht:
Zweite Geburt: Immerhin werden wir – auch das ist wahr, sogar real, – nackt
geboren. Hier geht es aber nicht um ein zurück zum Ursprung, eher um
Ursprungsmythen. Walter Benjamin hat Ursprung als zugrundeliegende Form
verstanden, nicht als Anfangsereignis, sondern in strukturellem Sinne. Zweite
Geburt markierte so gesehen keine Wiedergeburt, sondern eignete sich das Fremde
an, das dieses Ich ist. Vielleicht hatte der notorische Briefeschreiber Franz
Kafka solches im Sinne, als er seine angebetete und bisweilen mit mehreren
Briefen täglich bedachte Felice darüber informierte: „Ich habe kein
literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und
kann nichts anderes sein.“ Die körperliche Existenz in der Welt verleiht keine
Gewißheit, die Frage bleibt, wer ist dieses ich? Und das entsteht bei
Kafka im Prozeß des Schreibens. So erst scheint er wirklich zur Welt zu kommen,
zur Sprache, seine Existenz ist Literatur, Fiktion mithin, wie die die
Geschichte des eigenen Lebensbeginns es ohnehin ist. Durch den Prozeß der täglichen
Verdichtung im Schreiben seiner Briefe, eignet Kafka sich Leben an, verwandelt
es in eigenes. Das, was von außen kam, Zufälle, Ereignisse, Zuschreibungen,
Einschreibungen, wird im Prozeß der Verschriftlichung zu zweiter Geburt und
damit zu einem immer offen gehaltenen werden.
Aber was hat das
mit Striptease zu tun? Im Striptease wird scheinbar nicht verdichtet, finden
wir allerdings verdichtet kulturelle Codes und Praktiken vor. Während die
Schalen einer Zwiebel erst einmal entfernt werden müssen, damit sie genießbar
wird, die Stripperin ihre Kleider sorgfältig entblättert um das Genießen des
Begehrens zu ermöglichen, wird das ich des Briefeschreibers Kafka genießbar
(vor allem für sich selbst) erst durch das Hinzufügen einer weiteren Schicht,
der Schrift, der Literatur. Im Striptease wird umgekehrt nur scheinbar eine
Schicht abgetragen, um etwas zu zeigen. Das Zeigen des Entzugs jedoch fügt der
Schichtung eine weitere hinzu, eine Schrift, eine Spur. Die Nacktheit verweist
auf Natur, diese aber bleibt künstlich, nicht nur in Bezug auf den Körper der
Stripperin. In Striptease For Mimi The Cat werden die Prozesse des Zeigens
und Entziehens, der Durchstreichung und Eliminierung vorgeführt, die Identität
und Subjektivität erzeugen. Wie ein rückwärts laufender Film entsteht ein
Zerrbild dieser Vorgänge, deren Spuren nicht getilgt werden können. Die von
anderen erzählte und erzeugte Geschichte wird performativ angeeignet,
wieder-holt, in Szene gesetzt. Dieser Striptease wäre demnach ein Portrait,
ein Selbstportrait, oder vielleicht eine Autobiogaphie?
Gebürtig: Frauen, wenn sie heirateten, früher, nahmen den Namen der Gatten an.
An die Stelle des Namens des Vaters trat der Name des Vaters, an die der
Herkunftsfamilie die der Nachkommenschaft. Dann stand im Paß – oder steht
vielleicht auch heute noch – geborene Schulz, Schmidt, Meier, gebürtig in der
Stadt so und so. Hannah Arendt hat mit ihrer Theorie der Natalität
eine Antwort auf Heideggers Begriff der Geworfenheit entwickelt. Es gibt
einen Lebensbeginn, einen, der mit Schmerz und Trennung verbunden ist, die
deutsche Sprache hat ein schönes Wort dafür, eine Ent-Bindung. Die vormals symbiotische
Verbindung zwischen Mutter und Kind, die einzige wirkliche Symbiose, von der
man sprechen kann, endet hier und Individuation beginnt. Die
Paarbeziehung der Eltern wird durch die Existenz eines Dritten
vergesellschaftet, Hannah Arendt spricht davon, dass in der Liebe des Paares
eine neue, eigene Welt entstehe, deren Ende die Geburt eines Kindes markiere.
Denn ein Kind wird nicht unbemerkt geboren, sondern schon pränatal
gesellschaftlicher Disziplin, Hygiene und Kontrolle unterzogen. Das Motiv des
Paares, das zunächst darin bestanden haben mag, sich in narzißtischer
Identifizierung mit dem Partner des eigenen Selbst zu vergewissern und weltflüchtig
zu werden, gerät mit der Entbindung in eine Krise. Nicht nur Mutter und Kind
werden getrennt, zwischen dem Paar steht nun das Kind, das zugleich scheidet
und bindet, denn beide entwickeln als Vater oder Mutter eine eigene Dyade
mit dem Neugeborenen. Zugleich stellt die Geburt das Ereignis schlechthin dar,
das durch Entzug gekennzeichnet ist. Die Anfangserzählung des eigenen Lebens
wird von anderen erzählt. Die Bewegung der einsetzenden eigenen Erinnerung
gleicht der des Aufspringens auf einen bereits fahrenden Zug. Es gibt eine Erzählung
von der Geschichte der Zeugung, Eltern, die ein Paar werden und dann, eines
Tages, wird, nur zum Beispiel, Waltraud Höfinger, geboren werden. Diese Erzählung
wird zum Leitmotiv des eigenen Lebens, sie wird immer schon begonnen haben,
bevor ein Ich davon berichten kann. Der Lebensbeginn ist so gesehen das
schlechthin außerhalb des Bewußtseins befindliche. Das Ereignis meiner Geburt
ist das enigmatische Ereignis schlechthin, jener Moment, der als Beginn meines
Lebens lebenslänglich alljährlich gefeiert wird. Als Ursprung meiner Existenz
bleibt er mir aber verborgen und determiniert mich dennoch wesentlich. In
seiner unter Pseudonym geschriebenen Autobiographie, der er einen anderen Namen
gab und die mit einem Zitat aus einem berühmten Roman begann, hat Stendhal
die Frage thematisiert, wie ich denn wissen könne, daß dieser Tag meiner Geburt
tatsächlich der Tag meiner Geburt war? Wenn alles gut geht, freuen sich die
Eltern und beginnen ein Archiv, auf das ich mich später beziehen kann. Hannah
Arendt nennt das die Bedingung gelingenden Beginnens: das Willkommensein in
einer Gemeinschaft. Zugleich stellt dieses Archiv eine Entfremdungserfahrung
dar – diese Erzählung bleibt fremd, kommt von außen und soll doch den Kern des
eigenen Wesens beschreiben. Die Selbstwahrnehmung beginnt mit der Wahrnehmung
von anderen.
Wahrnehmung: Maurice Merleau-Ponty hat die philosophische Phänomenologie auf ihre
Grundbedingungen hin befragt und die Bedingungen der Möglichkeit von
Wahrnehmung untersucht. Wahrnehmung ist unselbstverständlich und bedarf der
Erklärung. Ästhetik von aisthesis aus gedacht, von der Wahrnehmung aus
also, hat auch hier ihren Ursprung. Wahrnehmung selbst ist kein natürlicher
Vorgang, sondern wird erlernt. Ohne das Faktum der Geburt und der nachfolgenden
Abhängigkeit von anderen, der Vorzeitigkeit von Geburt, die den Menschen - mit
einem Wort von Helmut Plessner - in eine exzentrische Positionalität
bringt, ist auch an die Ästhetik als Theorie des Schönen nicht zu denken.
Exzentrisch, also außerhalb des Zentrums, ist die Position des Menschen qua
Selbstbezüglichkeit auf sich und dieser Selbstbezug trägt zudem die Züge der
Fiktion von anderen, wesentlich des Paares, dessen Verbindung das Individuum
seine Existenz verdankt. Die exzentrische Positionalität des Menschen verweist
demnach darauf, daß nicht nur das eigene Ich sich immer im werden befindet,
sich in Bezügen vollziehend. Es erscheint die imaginäre Verkennung, die, wie Lacan
in seinem Aufsatz “Das Spiegelbild als Bildner der Ich-Funktion”
behauptete, am Ursprung des Ich dessen Existenz und zugleich dessen Millieu
determiniert. Dieses Millieu wird in Striptease zum Thema. Individuelles
und Kollektives verschmelzen und so entsteht im doppelten Sinne eine Legende.
Nicht jubilatorisch angesichts des eigenen Spiegelbilds, sondern
emanzipatorisch über die Produktion des Selbstbildes agiert hier die Künstlerin.
Der Bildungsgedanke wird subvertiert, Weiblichkeit dekonstruiert. Der zentrale
Gedanke der Bindung, die – egal an wen oder was sie erfolgt – das Selbst erst
ermöglicht und generiert, wird als Verlust gezeigt, als das, was wir selbst von
uns nicht wissen.
Legende: Kartenlegenden erklären am unteren oder oberen Rand oder egal wo,
jedenfalls auf der Karte, was welche Zeichen bedeuten, worauf sie verweisen.
Heiligenlegenden verweisen auf reale historische Personen, haben diese aber
meist nicht zum Gegenstand, sondern überhöhen eine individuelle Biographie im
Dienst einer kollektiven Sache, einer sinnstiftenden und meist moralisierenden
Erzählung.
Natur: Spätestens seit der Vertreibung aus dem Paradies (auch eine
Legende?) ist der Bezug auf Natur ein Problem. Metaphysik nannte man die Bücher
des Aristoteles, die nach der Physik erschienen, das, was nach der Natur kam.
Aus dieser eher zufälligen Setzung entstand eine ganze philosophische
Tradition. Zu Zeiten als Synonym für die Philosophie gebraucht, schien die Metaphysik
seit dem 19. Jahrhundert vornehmlich in pejorativem Sinne genannt werden zu können.
Das was nach der Natur kommt, blieb nurmehr die Wissenschaft von der Natur,
letzte Fragen nach Sinn und Sein verblassten und wurden dekonstruiert als
Vehikel einer totalitären Vernunft, die unerklärliches in ihren Dienst nahm.
Metaphysik aber postuliert kein esoterisches Geheimwissen, sondern wagt das
Neue. Das, was wir körperlich erfahren, das, was wir sind und wie wir es sind,
kann nicht nur aus dem erklärt werden, was der herrschende Diskurs aktuell
diktiert. Das Wahrnehmbare ist nicht zugleich das Wahre, so einfach ist das.
Politisches Theater, das sich mit den Vorgängen befaßt, die gesellschaftlich
relevant sind und Machtverhältnisse reguliert, hat immer auch einen utopischen
Bezug. Utopisch das heißt ohne einen Ort, außerhalb der jetzigen Zeit, eine
Vision, vielleicht Metaphysik.
Was nach der Natur
kommt war auch eine Frage des Feminismus spätestens seit den 70er Jahren. Die
Gleichung Frau = Natur ging nicht auf, ein neuer Algorhytmus war nicht
gefunden. Die sexuelle Rebellion hat meine Lehrerin und Freundin Gerburg
Treusch-Dieter als Vehikel der Entfernung des Lebens aus dem Körper der Frau
gesehen. Die Dialektik von Befreiung und Verstrickung in patriarchale
Machtstrukturen von Aufklärung und Vereinnahmung brilliant analysiert. Metaphysik
war mit Aristoteles immer ein frauenfeindliches Unterfangen, auch das habe ich
von Gerburg Treusch-Dieter gelernt. Deshalb Achtung! Achtung: Metaphysik!
Vielleicht aber kommen wir nur weiter mit einer List und damit, genau die
Instrumente zu nutzen, die die Gegenseite eingesetzt hat, um den Wissenstransfer
paternalistisch zu regulieren? Verdunklung also statt Aufklärung, Mystik satt
Rationalität, Weiblichkeit statt Emanzipation. Aber unter der Bedingung der Überidentifikation
– Subversion durch Affirmation.
Kröten/Prinzessinen Das ‘Wörterbuch des
Aberglaubens’, so Gerburg Treusch-Dieter in ihrem Text “Schlamm & Damm”,
berichtet seitenweise über die Kröte: “Dass die Kröte das metamorphotische
Organisationsprinzip der Körper symbolisierte geht nicht nur aus der Unzahl der
in diesem ‘Wörterbuch’ empfohlenen Heil-Riten hervor, sondern auch aus dem Märchen
vom ‘Froschkönig’. Die Frosch-Gestalt des Prinzen in diesem Märchen wird zwar
als ekelerregend dargestellt, aber die Prinzessin, die ihm dazu verhilft, dass
er sie ablegen kann, ist dennoch von Lust erregt, vor allem beim Spiel, das
beide an einer Quelle treiben.”
Pierre Bourdieu (1930 – 2002) war einer der wichtigsten Soziologen der Gegenwart
und zählte zu den führenden Intellektuellen Frankreichs. Er lehrte am Collège
de France.
Jean-Paul
Sartre (1905 – 1980) war Schriftsteller und
Philosoph.Von Heidegger inspiriert wurde seine Auffassung des Existentialismus
der Freiheit zur Mode. Mit Simone de Beauvoir lebte er in Hotels und schrieb in
Pariser Cafés. Er prägte das Bild des Intellektuellen in Frankreich, der sich
immer in politisches Geschehen einmischt.
Laura Mulvey (*1941), britische Filmtheoretikerin, Professorin für “Film and
Media Studies” an der University of London. Bekannt wurde sie mit ihrem Aufsatz
“Visuelle Lust
und narratives Kino”, indem sie erstmals in der
Geschichte der Filmwissenschaft Freud und Lacan für Filmanalyse fruchtbar
machte und einen feministischen zugang eröffnete. Sie verwendete die
psychoanalytischen Theorien in politischer Absicht. Das Bild der Frau im Film
nutze dem Patriarchat und stelle sie (als Bild) still, m.a.W. es übe Gewalt
aus. Mulveys Ansatz blieb nicht ohne Kritik. Dennoch ist der Aufsatz bis heute
einer der Klassiker der Filmwissenschaft.
Dichotomie griech.: Zerschneidung in zwei Teile, Zweiteilung, in der Logik
Einteilung nach zwei Gesichtspunkten
Leszek
Kolakowski (*1927) polnischer Philosoph, der
besonders von den frühen Schriften Karl Marx beeinflußt ist.
Michel Foucault (1926 – 1984) französischer Philosoph. Lehrte “Geschichte der
Denksysteme” am Collège de France. Seine Arbeiten zur Geschichte des Gefängnisses,
der Psychiatrie und der Sexualität begründeten seinen internationalen Ruhm.
Hannah Arendt (1906 – 1975) Philosophin
aus deutscher jüdischer Familie, lebte und lehrte in New York an der New School
for Social Research. Dissertation über den “Liebesbegriff bei Augustinus”,
wurde berühmt mit einer Reportage über den Prozeß gegen Joseph Eichmann in Jerusalem,
die “Banalität des Bösen” und mit “Elemente und Ursprünge totalitärer
Herrschaft”.
Natalität deutsch Geburtigkeit. Im
Gegensatz zur Sterblichkeit vernachlässigte Grundbedingung menschlicher
Existenz.
Geworfenheit von Martin Heidegger
(deutscher Philosoph, 1889 – 1976, der die europäische Philosophie des 20.
Jahrhunderts durch sein Werk “Sein und Zeit” maßgeblich beeinflußte) verwendeter
Begriff um das menschliche Dasein im Zustand der Weltfremdheit zu beschreiben.
Wir sind demnach geworfen in eine uns fremde Welt, die es durch Akte, durch
Handeln ( => Sartre/Existenzialismus) anzueignen gilt.
Individuation lat. sich untrennbar
machen, die Sonderung eines Allgemeinen in Individuen, Besonderheiten.
Dyade von griech. Dyas = Zweiheit, in
der Pschologie und der Psychoanalyse insbesondere die Bezeichnung der
Mutter-Kind Dyade, einer symbiotischen Verbindung. Im Gegensatz zum ödipalen
Dreieck, der Triade aus Mutter, Vater und Kind stehend.
Stendhal (1783 – 1842), eigentlich
Marie-Henri Beyle, war ein französischer Schriftsteller. Benannte sich nach dem
Geburtsort des Archäologen Winckelmann Stendhal und setzte sich in seinem
schriftstellerischen Werk immer wieder mit der Frage der Autobiografie
auseinander.
Ästhetik seit Alexander Gottlieb
Baumgarten (deutscher Philosoph, 1714 – 1742) eigenständige philosophische
Disziplin, die sich nicht nur mit dem Schönen, sondern in erster Linie mit den
Bedingungen der Möglichkeit von Wahrnehmung auseinandersetzt.
Helmut Plessner (1892 – 1985) deutscher
Philosoph und Soziologe, Hauptvertreter der philosophischen Anthropologie, der
philosophischen Disziplin, die sich mit dem Wesen des Menschen befasst. Hauptwerke:
“Die Stufen des Organischen und der Mensch” und “Lachen und Weinen”.
Exzentrische Positionalität bezeichnet
im Werk Helmut Plessners die Stellung des Menschen und seine wechselseitige
Beziehung zu seiner belebten und unbelebten Umwelt. Positionalität bezeichnet
dabei die Eigenschaft lebender Körper, ihre Grenze zur Umwelt zu erhalten, „exzentrisch“
bezieht sich auf die dem Menschen eigene Reflexivität in Bezug auf seine
Stellung als Körper in der Welt.
Jacques Lacan (1901 – 1981) französischer
Psychiater und Psychoanalytiker der mit einer Rückkehr zu Freud diesen neu
interpretierte und radikalisierte.
Gerburg Treusch-Dieter (1939 – 2006)
deutsche Soziologin, die in der Tradition Michel Foucaults die Herausbildung
der Geschlechterdifferenz seit der Antike untersuchte. Unterrichtete u.a. an
der FU Berlin, der UdK Berlin und der Akademie der Bildenden Künste Wien.
[1] Kolakowski, Leszek: “Erkenntnistheorie des Striptease”, in: Leben trotz Geschichte. München 1980, S. 100.
[2] Bourdieu, Pierre: Die männliche Herrschaft. Frankfurt a. M. 2005, S. 115.
[3] Bourdieu, a.a.O., S. 117.
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